Varanasi – gefangen zwischen Spiritismus und Moderne

Nun sind wir doch tatsächlich schon das zweite Mal in den Urlaub gefahren. Dieses Mal waren wir in westlicher Richtung unterwegs, nämlich zur Stadt Varanasi, die im Staat Byihar liegt. Varansi ist die heiligste Stadt in Indien und gleichzeitig eine der ältesten Städte der Welt. Vorher gehörte Berichte reichten von wunderschön bis zu unglaublich dreckig. Dementsprechend waren wir sehr neugierig, was uns so erwarten würde. Nach einer 12stündigen Zugfahrt und 2 Stunden Verspätung waren wir dann auch schon da. Kaum ausgestiegen, erwarteten uns jede Menge Rikshafahrer, die uns in ihre Hotels bringen wollten. Da wir keine Ahnung hatten, wo unser Hotel lag, riefen wir dort an und uns wurde gesagt, dass jemand geschickt werden würde. 2 Minuten später stand auf einmal ein Mann vor uns, der uns in unser Hotel bringen wollte. Wir waren über die ungewöhnliche Schnelligkeit der Dinge zwar verwundert, dachten uns aber nichts weiter, bis wir dann im Hotel waren und er Geld von uns wollte. Naja, immerhin waren wir im richtigen Hotel, das auch sehr billig war. Jule und ich hatten sogar ein Bad auf unserem Zimmer. Sehr lustig war es, wenn man sich auf die Toilette setzte, da es von der Decke tropfte und man so gleich unfreiwilig duschte. Außerdem wurde uns abends einmal das Wasser abgestellt, aber dafür waren die Zimmer sehr schön. Nachdem wir uns erst einmal häuslich eingerichtet hatten, beschlossen wir, die Stadt zu erkunden. An Varanasi ist das Schönste, dass die Stadt praktisch nur aus kleinen Gassen besteht, in denen man sich wunderbar verlaufen kann. Es gibt nur sehr wenig große Hauptstraßen. Auch unser Hotel war in einer kleinen Nebengasse. Außerdem liegt Varanasi direkt am Ganges. Also liefen wir ziellos los....ca. 200 Meter, bis zum nächsten Restaurant, da wir feststellten, dass wir noch gar nicht richtig gefrühstückt hatten und es bereits Mittag war. Das Restaurant war sehr niedlich und klein. Außerdem gab es unglaublich scharfes Essen, weil uns frische Chilis ins Essen geschnitten wurden. Ich konnte es tatsächlich nicht aufessen, obwohl sich mein Schärfegrad schon deutlich erhöht hat. Milan war trotzdem am Schlechtesten dran, da er sich ein Chili hot and spicy bestellt hatte. Deshalb bestand sein Essen praktisch nur aus Chilis. Nachdem wir so gestärkt waren, beschlossen wir erst einmal den Ganges und damit auch die Ghats zu suchen, für die Varanasi berühmt ist. Ghats sind in etwa Promenaden am Ganges mit Stufen zum Wasser. Somit kann man praktisch von der einen Seite von Varanasi zur anderen direkt am Ganges entlanglaufen. Da wir nicht genau wussten,wo der Ganges liegt, verliefen wir uns erst einmal in den kleinen Gassen und standen irgendwann in einem kleinen Hof, von wo man aus einen tollen Blick auf die Stadt und den Ganges hatte. Bevor wir den Hof betreten durften, mussten wir alle unsere Schuhe ausziehen und als wir zurückkamen, stellten wir fest, dass Jules Schuhe gestohlen worden waren. Daher lief sie von da an barfuß weiter. Nachdem es nun schon dunkel geworden war, fanden wir endlich den Ganges und die Ghats, die wir schon den ganzen Nachmittag gesucht hatten. An 2 Ghats finden den ganzen Tag Leichenverbrennungen statt und so stolperten wir praktisch darüber. Leichenverbrennung hört sich hier sehr kurios und unheimlich an, aber es hat eine sehr zeremonielle Atmosphäre. Zuerst werden die in weiße Leinentücher gewickelten Menschen, die auch mit bunten Blumen und Tüchern geschmückt sind, auf einer Bahre zum Ganges getragen. Dort werden sie dann auf einige Holzscheite gelegt und noch mehr Holz zusammengesammelt, bevor sie angezündet werden. Die Szene wirkt sehr friedlich und andächtig. Natürlich ist es schockierend, wenn man auf einmal Knochen oder einen Schädel im Feuer entdecken kann, aber es ist auch seltsam faszinierend. Hier ist der Tod noch ein öffentlicher Teil des Lebens. Viele Menschen lassen sich hier verbrennen, da sie glauben, dass sie Erlösung finden, wenn ihre Asche in den Ganges gestreut wird. Nachdem wir noch einige Zeit an den Ghats herumgelaufen waren und einige Pujas, sowie andere Zeremonien miterlebt hatten, die hauptsächlich daraus bestanden, dass Priester am Ganges tanzten, versuchten wir, unser Hotel wiederzufinden. Natürlich verrirten wir uns bei dem Versuch und landeten in kleinen, dunklen, zwielichtigen Gassen, wo wir sehr froh waren, als wir die Hauptstraße und schließlich auch unser Hotel fanden.

Nachdem wir am Sonntag dann gemütlich ausgeschlafen hatten, beschlossen wir, es langsam angehen zu lassen und erstmal frühstücken zu gehen. Und was für ein Frühstück. Wir waren in einem etwas westlicheren Cafe und bekamen dort.... Cafe Caramell mit echtem Filterkaffee und aufgeschlagener Sahne!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Dazu muss ich vielleicht erklären, dass es in Indien praktisch keinen Filterkaffee gibt. Was die Leute hier unter Kaffee verstehen, bezieht sich im Wesentlichen auf Nescafepulver. Dazu gab es JOGHURT ( was war das noch mal? ) und MÜSLI ( krass!!!!!!!!!!!) sowie Bananen mit Honig. Und als Krönung ein Tonaten -Käse Sandwich. Da merkt man doch einmal, dass es manche Sachen gibt, die ich hier doch nicht esse. Trotzdem ist das indische Essen so gut, dass mir die Sachen meistens auch nicht fehlen. Ziemlich glücklich verließen wir das Cafe, in der Absicht nun einige Tempel zu besichtigen. Wir kamen aber nicht besonders weit, da wir in derselben Straße einen tollen Klamottenladen entdeckten mit bunten, weiten Hosen und billigen Kashmirschals und die nächsten 2 Stunden mit Shoppen verbrachten. So war es schon wieder 2 Uhr, als wir uns auf die Suche nach den Tempeln machten. Und damit waren wir auch erst einmal eine Weile beschäftigt. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Tempel zu finden, wenn man vorher nicht nachschaut, wo er ist und sich darauf verlässt, dass man einfach Leute auf der Straße fragen kann. Doch nachdem wir schon einige interessante Stadtviertel durchlaufen hatten, gelangten wir schließlich zum Monkey Tempel, der seinen Namen von den ca. 200 Affen erhält, die im und am Tempel sowie auf dem Tempelgelände herumlaufen. Milan sichtete sogar einen auf dem Herrenklo. Es ist praktisch ein Wildlife Zoo, bestehend aus Affen und ich muss zugeben, dass ich von den Affen mehr fasziniert war als vom Tempel, obwohl der auch sehr schön war. Leider ist dort Fotografieren strengstens verboten. Den zweiten Tempel zu finden, war eine noch größere Herausforderung, da dieser außerhalb der Innenstadt lag. So erreichten wir ihn erst sehr erschöpft nach Einbruch der Dunkelheit. Der Aufwand lohnte sich aber, da der Tempel wunderschön aussah, wie ein Schloss, innen mit schwarz- weißen Kacheln ausgelegt und von außen gelb angestrahlt. Er hatte auch einen sehr schönen Garten mit Bänken und Bögen. Nachdem wir uns dort von unserem anstrengenden Nachmittag erholt hatten, machten wir uns mit einer Autoriksha auf den Rückweg, die uns für zu viel Geld zum falschen Ghat fuhr. Damit hatten wir wieder einmal keine Ahnung, wo wir waren. Das Gefühl war uns aber mittlerweile schon ziemlich vertraut und so liefen wir einfach an den Ghats entlang in Richtung Süden, bis wir uns nach einer Viertelstunde wieder in uns bekannten Gegenden befanden. Schließlich gelangten wir auch diesen Tag müde aber glücklich in unser Hotel zurück.

Den letzten Tag hatten wir uns vorgenommen, morgens den Sonnenaufgang am Ganges zu beobachten und standen schon um 5 Uhr auf. Leider waren wir so eine Stunde zu früh auf und mussten feststellen, dass die Sonne erst um 6 Uhr aufgeht ( Mist, Mist, Mist). Also liefen wir noch eine Stunde ziellos an den Ghats herum mit einem Cha in der Hand und unsere Gedanken wurden nur durch die ständigen Rufe: „ Sir, Miss want a boat? Very cheap boat“ unterbrochen. Dieser ständigen Beeinflussung unterlegen, beschlossen wir, tatsächlich eine Bootstour zu machen. Eine sehr gute Idee, wie sich herausstellte. So früh waren noch nicht viele Boote unterwegs und es war schön und gleichzeitig atemberaubend zu sehen, wie die Sonne langsam über den Häusern aufgeht und diese golden anstrahlt, während das Wasser glitzert. Eine einmalige Schönheit, die sich dort offenbarte und die wir beinahe ehrfürchtig betrachteten. Nachmittags gingen wir zum letzten Mal an die Ghats, wo die Jungs gleich von 2 Indern eingeladen wurden, doch ein Bad im Ganges zu nehmen, um sich reinzuwaschen. Jule und ich sahen dabei zu, wie die Jungs badeten in dem doch sehr dreckigen Ganges, wo tags zuvor eine tote Ziege vorbeigetrieben war. Danach nahmen wir uns ein Boot, um auch einmal die gegenüberliegende Seite vom Ganges zu erkunden und fanden dort tatsächlich feinsten Sandstrand und Dünen. Keine Ahnung, wie das da hinkommt. Es war so schön, dass wir den restlichen Nachmittag dort verbrachten und dann abends sehr traurig in den Sleeper Zug stiegen. Besonders faszinerend an Varanasi ist die Mischung aus Spiritismus, wie die vielen Tempel und Gläubigen, die die Stadt besuchen und im Ganges beten oder die heiligen Totenverbrennungen und gleichzeitig die touristische Seite der Stadt zu sehen, mit vielen westlichen Cafes, Touristenshops und selbstverständlich vielen Touristen. Trotz der vielen Menschen liegt dort eine ruhige, entspannte Athmosphäre in der Luft.

Milan und ich lernten zum Schluss noch eine sehr gute Lektion, nämlich: Iss niemals Pilze in Indien, der Magen reagiert darauf sehr heftig, mit dem Resultat, dass die Heimfahrt eine der schlimmsten meines Lebens war.

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